Kirill Kaprizov ist einer der herausragendsten russischen Akteure der NHL. Diesen Sommer führte der Stürmer der Minnesota Wild ein langes, sehr offenes Gespräch. Nicht mit einem Journalisten, sondern mit dem russischen Fußball-Nationalspieler Fedor Smolov, der ihn für sein YouTube-Format vor die Kamera holte. Herausgekommen ist ein rund 80-minütiges Interview, aufgenommen in Kaprizovs Heimatregion rund um Novokuznetsk. Der Angreifer erklärt darin, warum ihm die NHL mehr liegt als die KHL, wie ein Saisonalltag mit 82 Spielen aussieht und wie er mit seinem Rekordvertrag umgeht.
Wir haben die für deutsche Eishockey-Fans spannendsten Passagen ins Deutsche übertragen. Das komplette Video findet Ihr hier: https://www.youtube.com/watch?v=cAOZdKOBkt0
Zur Einordnung: Kaprizov spielt seit der Saison 2020/21 bei den Minnesota Wild. Zuvor war er in der KHL bei Metallurg Novokuznetsk, Salavat Yulaev Ufa und ZSKA Moskau aktiv, mit dem er 2019 den Gagarin-Pokal gewann. 2018 führte er die Sbornaja zum Olympiasieg gegen Deutschland.
Fedor Smolov: Du hast früher viel Zeit in Moskau verbracht, vor allem im Sommer. Diesmal bereitest du dich zu Hause vor. Warum?
Kirill Kaprizov: Nach der Saison vermisst man die Heimat sowieso. Dieses Jahr habe ich hier mit dem Training angefangen, und es hat einfach gepasst. Wie ich mich jetzt fühle, wie alles läuft, das läuft gut für mich. Zum Trainieren habe ich zu Hause alles, die Familie ist da, ich kann zum Angeln fahren oder in den Altai. Früher war ich nach der Saison meist eine Woche in Moskau, dann einen Monat zu Hause, und vor der Saison wieder in Moskau. Diesmal wollte ich es anders machen.
Wie wichtig ist die Sommervorbereitung für dich persönlich?
Bei uns macht das jeder anders. Manche hassen es, im Sommer aufs Eis zu gehen. Ilya Kovalchuk hat mir immer gesagt: Wozu brauchst du im Sommer Eis? Bei mir ist es umgekehrt. Wenn ich im Sommer nicht skate, tue ich mich später sehr schwer. Man gewöhnt es sich ab, und dann brauche ich zwei Wochen, um Schläger und Beine wieder normal zu spüren. Deshalb bin ich im Sommer gerne auf dem Eis. Einen Monat komplett ohne, das geht bei mir nicht.
Der Unterschied zwischen NHL und KHL
Du kennst beide Ligen aus erster Hand. Was ist der größte Unterschied?
Das Tempo, ganz klar. Und die Geschwindigkeit, mit der Entscheidungen fallen. In der NHL denken die Spieler schneller, sie spielen den Puck schneller. Selbst ein technisch weniger begabter Spieler trifft die richtige Entscheidung sofort. Wie im Fußball: Der Ball kommt, du spielst direkt weiter, in einer Berührung, weil du vorher schon weißt, was du machst. Das spürt man sehr stark.
Und abseits des Eises, in der Mentalität?
In Amerika ist jeder mehr für sich selbst verantwortlich. Jede Reihe hat ihre Aufgabe, die erste wie die vierte Reihe, jeder kennt seine Rolle und erfüllt sie. Wer einen Vertrag bekommt, muss ihn abarbeiten, keiner hält sich für besser als die anderen. In Russland tickt der Kopf einiger Akteure anders. Ein junger Spieler kommt und wird erst mal in die vierte Reihe gesteckt: Beweis dich. In Amerika läuft es umgekehrt. Sieht man Potenzial, stellt man dich gleich hoch und schaut, was du zeigst.
Ein Alltag zwischen 82 Spielen
Wie sieht ein normaler Saisontag in der NHL aus?
Es geht Schlag auf Schlag. 82 Spiele, ständig back-to-back, du kommst kaum dazu, irgendetwas anderes zu machen. Nach einem Spiel entscheidet sich am nächsten Tag: Training, frei, dann wieder Spiel. Wer viel gespielt hat, 20, 23 Minuten, trainiert oft nicht auf dem Eis, sondern geht in den Kraftraum, lässt sich massieren oder geht in die Sauna. Und wenn du merkst, du brauchst Ruhe, gehst du zum Trainer oder Arzt und sagst, für mich ist es besser, heute nicht aufs Eis zu gehen. Das wird völlig normal aufgenommen.
In der KHL wäre so eine Bitte undenkbar?
In der KHL hieß es immer: trainieren. Da hattest du praktisch keine Chance. Es sind zwar weniger Spiele, aber die Trainer versuchen ständig, Form und Taktik zu drillen. In manchen Pausen wird mancherorts sogar Konditionstraining gemacht. Stell dir das mal vor, das ist doch unmöglich. In Amerika geben sie dir dagegen so viel Erholung wie möglich.
Es gibt eine Sache, die viele Fans überrascht: das Tagegeld auf Auswärtsreisen.
Ja, in Amerika zahlen sie Tagegeld auf eine extra Karte. Ich glaube, so um die 125 Dollar am Tag. Wer das nicht anrührt, schaut nach fünf Jahren drauf und kann sich davon ein Auto kaufen. Wir gehen auswärts abends meistens zusammen essen, es gibt in jeder Stadt einen Gruppenchat, wer mitkommt und wer nicht. Der eine trinkt Wasser, der andere ein Bier, wieder ein anderer bleibt im Hotel und bestellt sich dort etwas.
Hotelpflicht vor Heimspielen
In Russland müssen Spieler oft vor Heimspielen im Hotel übernachten. In der NHL nicht. Was hältst du davon?
Für mich ist das ein Relikt aus der Vergangenheit. Am Spieltag isst du in Amerika zu Hause, kommst zum Spiel, schläfst und machst, was du willst. In Russland steckt mehr Kontrolle dahinter. Dabei richtest du dir deine Wohnung genau nach deinem Geschmack ein, Bett, Kissen, Decke. Dort schläfst du besser als in irgendeinem Hotel. Warum gibt man einem Spieler nicht die Möglichkeit, sich in seinen eigenen guten Bedingungen auszuschlafen? Profis sind Profis.
Warum hält sich das System deiner Meinung nach so hartnäckig?
Ich glaube, das ist zum Teil die alte Schule. Vielleicht kommt die Vorgabe auch von oben, dass nicht der Trainer allein entscheidet. Die Trainer haben Angst, dass etwas passiert, dass jemand abends noch irgendwo hingeht. Für mich ist das Unsinn. Wer wirklich etwas anstellen will, tut das ohnehin, egal ob zu Hause oder im Hotel. Und wer sich vorbereiten will, tut das genauso unter allen Bedingungen.
Der Rekordvertrag
Wie gehst du mit deinem neuen, großen Vertrag um?
Ganz entspannt, ehrlich gesagt. Ich hatte vorher auch schon einen guten Vertrag, es ändert sich nicht viel. Klar ist es cool, das ist mein Verdienst für die Zukunft. Aber Druck spüre ich nicht. Sollen die reden, die reden wollen. Wer mich unterstützt, tut es sowieso.
Also überhaupt kein zusätzlicher Druck?
Ein bisschen denkt man schon darüber nach, das ist menschlich. Man legt sich vielleicht selbst mehr Verantwortung auf. Aber im Sommer mache ich mir keinen Kopf. Ich stelle mich eher darauf ein, einfach zu spielen und Spaß zu haben. Letzte Saison war ich mit mir nicht ganz zufrieden. In der regulären Saison lief es okay, aber es fiel mir schwer, wohl noch als Nachwirkung meiner Operation. Diesmal will ich richtig vorbereitet sein und besser spielen.
Connor McDavid hat einen kurzen Vertrag unterschrieben, um den Cup zu gewinnen. Wäre das für dich ein Modell gewesen?
Ich verstehe, was du meinst. Aber jeder hat seine eigene Entscheidung. Bei mir sind es acht Jahre, bei ihm zwei. Hätte Minnesota mir gesagt, lass uns über zwei oder drei Jahre unterschreiben, hätte ich das vielleicht in Erwägung gezogen. Aber ich glaube, der Klub wollte ohnehin langfristig. Bei McDavid geht mehr Initiative von ihm selbst aus. Würde er sagen, ich will einen Trade, würde man ihn tauschen.
Tarasenko und der Kaderumbruch
Manche vermuten, Wladimir Tarasenko habe den Klub auch wegen deines großen Vertrags verlassen müssen. Was ist da dran?
Ich glaube nicht, dass es daran lag. Ehrlich gesagt weiß ich es nicht, das müsste man ihn selbst fragen. Aus meiner Sicht wollte der Klub ihn einfach nicht verlängern. Mit meinem Vertrag hatte das nichts zu tun.
Zukunft in Minnesota
Willst du deine ganze Karriere in Minnesota verbringen?
Natürlich, ohne Frage. Wir haben den ganzen Sommer darüber nachgedacht, ich habe mit der Familie und meinem Bruder gesprochen. Bei mir passt dort alles. Ich habe nicht dieses Verlangen, unbedingt in New York oder in einer anderen großen Stadt zu leben. Die Fans in Minnesota sind großartig, die Organisation ist großartig. Wenn wir eines Tages den Cup gewinnen, wäre das riesiges Glück, für die Stadt und für mich. Die Natur dort ist wunderschön, das erinnert mich ein bisschen an meine Heimat.
Zum Schluss: Wer war der stärkste Mitspieler deiner Karriere?
Schwer zu sagen. Aber wenn ich es analysiere, dann wohl Mats Zuccarello. Mit ihm habe ich meine ganze NHL-Zeit zusammen gespielt. Es wird definitiv komisch und anders für mich, dass nun nicht mehr da sein wird.