Schleudersitz KHL: Warum die Trainer in Russland fast chancenlos sind

Wer dachte, dass es nicht schlimmer werden kann, wird aktuell eines besseren belehrt: 13 Trainerentlassungen gab es 2015/16 in der KHL. Kurz vor Jahreswechsel stehen nun schon bereits 10 Trennungen fest. Nizhnekamsk schickte sogar gleich zwei Übungsleiter in die Wüste – und befindet sich dennoch außerhalb der Playoffs.

Natürlich sind die Trainer auch in anderen Ligen immer das schwächste Glied. Doch in der besonders hohen Anzahl an Entlassungen in Russland lässt sich ein Motiv erkennen: Fast bei jedem Rausschmiss geht es darum, die Fehler des Managements zu verschleiern und auf den Coach abzuwälzen.

Mangelnde Qualität und fehlende Courage im Management

Am Beispiel Neftekhimik lässt sich das Dilemma gut erklären. Der Klub aus der Industriestadt Nizhnekamsk gehört zur breiten Mittelschicht in der Liga, in der Anspruch und Wirklichkeit häufig weit voneinander entfernt sind. „Bei Neftekhimik gibt es einen andauernden Interessenkonflikt. Die Trainer kämpfen um bessere Resultate, der Manager jedoch nur darum, im Amt zu bleiben“, ätzt Russlands Ex-Nationaltrainer Vladimir Krikunov in der russischen Presse. Und tatsächlich: In der KHL werden Trainer in die sportliche Ausrichtung des Teams nur am Rande oder überhaupt nicht eingebunden. Funktioniert die Mannschaft anschließend nicht von der ersten Minute an, wird fast immer ausschließlich der Coach rausgeschmissen – und ein neues Opfer engagiert.

In Omsk wartete das Management nicht einmal bis zum ersten Spieltag: Weil die Ergebnisse in der Vorbereitung nicht genügten, musste Evgeny Kornоukhov gehen und wurde durch Fyodor Kanareikin ersetzt.

Da sich das Karussell immer schneller dreht, bleibt den Trainern nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen, um überhaupt irgendwo wieder einen Vertrag zu ergattern. Darunter leidet vor allem die Qualität und die Entwicklung junger Spieler. Da ligaweit mittlerweile alle Klubs nur noch nach dem schnellen Erfolg gieren, bleibt der Progress auf der Strecke.

Noch einmal Krikunov: „Warum war das russische Eishockey zu Sowjetzeiten so stark? Weil wir Trainer die Spieler über einen längeren Zeitraum entwickeln konnten. Wenn, dann wurde im Sommer getauscht, sodass man sich mindestens eine Spielzeit lang bewähren konnte.“ In seinen Worten schwingt nicht nur Nostalgie mit, sondern vor allem Frust, auch wenn Krikunov aktuell selbst vom Rausschmiss bei Avtomobilist profitierte und neuer Trainer in Yekaterinburg ist. Denn durch das aktuelle System können sich die eigentlich sportlich verantwortlichen Manager bequem zurückziehen und Trainer auf Trainer verschleißen.

Auch die Macht der Spieler steigt. Übertrieben ausgedrückt, braucht ein Star, der mit seinem Chef nicht zurechtkommt, nur schlecht zu spielen. Wenn das Team dadurch mehrfach verliert, steigt der Druck auf den Übungsleiter und der Akteur kann seine Forderungen durchsetzen – ein Teufelskreis.

Eine neue Kultur braucht Vorbilder

Wie lässt sich dieser durchbrechen? Mit St. Petersburg könnte ausgerechnet ein Spitzenklubs zum positivem Vorbild reifen. Oleg Znarok sitzt durch seinen gleichzeitigen Job als Nationalcoach bei SKA so fest im Sattel, dass er in Ruhe arbeiten kann. Und tatsächlich wird das Star-Ensemble von Woche zu Woche stärker. Erst wenn die Manager der KHL aufwachen und diese Entwicklung auf ihr Niveau und ihren Klub übertragen und damit dem Coach mehr Zeit geben, wird sich an der aktuell chancenlosen Situation der Trainer etwas ändern. Bis dahin könnte der Negativrekord mit 13 Entlassungen sogar noch übertroffen werden.

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