Zwischen Spiellust und Spielfrust: Fazit zur bisherigen KHL-Saison

Seit rund drei Wochen flitzt der Puck in der KHL wieder über das Eis. Bis zu acht Spiele haben die Teams bereits absolviert. Zeit für ein erstes Zwischenfazit dieser besonderen Spielzeit.

Der Saisonstart mitten in einer Pandemie war ein Wagnis. Trotz Anweisungen und Regeln konnte nicht jede Möglichkeit im Vorfeld bedacht werden. Die KHL reagiert daher, statt zu agieren und wirkt wie ein Getriebener, der täglich neue Lösungen finden muss.

Was läuft gut?

Die Spannung ist wieder da. Endlich steht der Sieger nicht bereits vor vielen Partien fest. Die strenge Gehaltsobergrenze hat das Leistungsniveau tatsächlich näher zusammenrücken lassen. Ausnahme ist natürlich der Corona-Faktor: Denn viele Akteure waren oder sind erkrankt. Einzelne Ergebnisse spiegeln daher weniger die Qualität der Mannschaften wider, sondern den aktuellen Gesundheitsgrad. Festzuhalten aber bleibt: Auch bisher fast konkurrenzlose Teams müssen um ihre Punkte kämpfen. Die Zuschauer auf den Rängen freuen sich über viele spannende Partien.

Was läuft schlecht?

Wie reagiert die Liga, wenn einzelne Teams so viele Corona-Fälle verzeichnen, dass ein reguläres Spiel nicht stattfinden kann? Diese Frage wurde von der Liga vor der Spielzeit eindeutig beantwortet. Nur gehalten hat sich die KHL nicht an ihre eigenen Vorgaben. So lautet zumindest die Meinung von vielen Fans zur selbstbestimmten Quarantäne von Jokerit und Barys. Schnell wurden daher die ausländischen Teams als Spalter gebrandmarkt. Doch die Situation ist komplizierter. Denn in Finnland und Kasachstan gelten schlichtweg andere Gesetzte als in Russland und an die muss sich der Sport halten. Daher ist es irrelevant, dass im Team von Jokerit keine Corona-Fälle auftraten. Die positiven Tests beim Gegner reichen für die Quarantäne. Dennoch leiden alle Mannschaften massiv darunter, wenn ein Team fünf oder gleich sechs Spiele verschieben muss.

Was muss besser werden?

Die Kommunikation: In einem großen Interview mit Omsk Vorstand Alexander Krylov zeigte sich das Dilemma besonders: Bevor der Journalist von Sport Express wissen wollte, warum Omsk mit den Corona-Fällen im Team so offen umging, lobte er den in seinen Augen mutigen Schritt. Tatsächlich war Avangard im Sommer der erste Klub, der die Viruserkrankungen seiner Akteure kommunizierte. Diese Offenheit fehlt in Russland sonst. Als ob es ein Stigma wäre, werden Corona-Fälle häufig noch immer geheimgehalten. Diese mangelnde Kommunikation führt zu Missverständnissen und unnötigem Frust. Auch die Liga muss in diesem Punkt besser werden. Bei den Spielverlegungen reagierte die KHL jeweils auf Statements der Klubs. Um die Saison tatsächlich schadlos durch diese Krise zu manövrieren, müsste die KHL die Probleme endlich offen beim Namen nennen und gleichzeitig Lösungswege aufzeigen.

Russian six im Stanley Cup 2020

Wer sich die Nationalitäten der diesjährigen Stanley Cup-Teilnehmer anschaut, versteht schnell, warum das Finale 2020 in Russland besonders große Aufmerksamkeit erregt.

Gleich sechs einheimische Akteure kämpfen um den Cup – jeweils drei auf einer Seite. So etwas gab es in der Geschichte der NHL erst einmal. 97/98 trafen in der Serie zwischen Detroit und Washington sieben Russen aufeinander. Damals jedoch mussten die meisten ehemaligen Sowjet-Stars ins Ausland wechseln, um die Familie zu ernähren. Heute gibt es mit der KHL eine Liga, in der Russen sogar mehr Geld als in Nordamerika verdienen können. Star-Stürmer Alexander Radulov hat dies in Moskau und Ufa über Jahre gemacht. Jetzt hat er die Chance, zum ersten Mal in seiner Karriere den Stanley Cup zu gewinnen – wie alle seine Landsleute in diesem Finale.

Und noch eine Besonderheit eint die sechs: Sie alle wechselten bereits in sehr jungen Jahren nach Nordamerika und zogen den Weg durch die Minor-Leagues einem Durchbruch in der Heimat vor. Für das russische Eishockey ist dieses Finale daher Fluch und Segen zugleich. Segen deshalb, weil die Aufmerksamkeit auf die Sportart trotz der laufenden Liga zu Hause noch einmal kräftig zunimmt und die Berichterstattung immens ist. Fluch jedoch, weil der Weg der Protagonisten allen aufstrebenden Akteuren vor Augen führt, dass der Weg zum Stanley Cup zumindest in diesen sechs Fällen eben mit einem vorzeitigen Abschied verbunden ist.

Besonders interessant ist natürlich das Duell der beiden Torhüter. Mit Andrei Vasilevskiy und Anton Khudobin spielen erstmals zwei russische Goalies um den Stanley Cup. Khudobin ist zwar in Kasachstan geboren, stand aber bereits für die Sbornaja im Tor. Im direkten Aufeinandertreffen gilt eigentlich der acht Jahre jüngere Vasilevskiy als Favorit, in Spiel eins war Khudobin der Sieggarant. „Bisher waren wir in allen Serien der Underdog“, blickt Khudobin dem Duell im Interview mit der Zeitung Sport Express gelassen entgegen.

Khudobin oder Vasilevkiy, Radulov oder Kucherov, Gurianov oder Sergachev: Eines steht bereits heute fest: 2020 gewinnen drei Russen den Stanley Cup.

Viel Gesprächsstoff beim KHL-Saisonauftakt

In der KHL wird wieder Eishockey gespielt. Die neue Saison stand jedoch bereits an den ersten Tagen ganz im Schatten der zwei großen aktuellen Probleme: der Corona-Pandemie und der politischen Situation in Belarus.

War es ein Boykott, ein Einknicken vor dem politischen Druck oder doch wie offiziell verkündet Sorge um die eigene Sicherheit? Um die Spielabsage von Jokerit Helsinki beim Saisonauftakt in Minsk wird weiter gerätselt. Denn es gab keine Pressekonferenz, auf der die Spieler ihre mögliche Solidarität mit der weißrussischen Opposition verkündeten oder sich anderweitig zum Fall äußerten. Auch die offiziellen Statements des Klubs und der Liga sind schmallippig.

Fakt ist, dass Jokerit Helsinki vergangene Woche nicht nach Minsk flog, das erste Spiel daher nicht stattfand und mit einer technischen Niederlage gewertet wurde. Ein gefundenes Fressen für Meinungsmacher in Belarus, Finnland und Russland, die um die Deutungshoheit ringen. Während in Finnland die Absage zumeist begrüßt wird, sprach die Gegenseite von Verrat und forderte Konsequenzen bis zum Ausschluss aus der KHL.

Keine leichte Situation für die Spieler von Jokerit, die offenbar nur Eishockey spielen wollen, nun aber die vielen Gerüchte kommentieren müssen. Es bleibt daher ein fader Beigeschmack und die Gewissheit, dass in der KHL ohnehin alles hinter verschlossenen Türen entschieden wird. Beim verspäteten Auftakt von Jokerit in Riga machte die Mannschaft dann aber schnell klar, dass sie in diesem Jahr zu den Favoriten zählt.

Omnipräsent war an den ersten Spieltagen das Corona-Virus, auch wenn offiziell keine neuen Fälle bekannt wurden. So konnte Amur die ersten Auswärtsspiele nur mit einem Ersatzteam bestreiten, bei CSKA fehlten Stammkräfte und in Riga mussten lettische Schiedsrichter einspringen, weil ein eigentlich vorgesehener Unparteiischer mit einem positiven Befunde ausfiel.

Die vorab festgelegten riskanten Regeln im Umgang mit der Pandemie scheinen jedoch zu funktionieren. Immerhin produzierte die KHL zum Auftakt viele tolle Bilder. Zur Eröffnung in Moskau sprachen Rene Fasel, Vladislav Tretiak und Alexei Morozov und bis auf aktuell an zwei Standorten (Barys und Sibir) durften die Zuschauer sogar live auf der Tribüne ihre Mannschaft unterstützen – bei verringerter Auslastung.

Sportlich brachten die ersten Partien eine weitere Gewissheit: Die vielen jungen Akteure in der KHL spielen tatsächlich eine deutlich größere Rolle als noch im Vorjahr und beleben die Liga.

Die KHL startet in eine ungewisse Spielzeit

Am 2. September beginnt die KHL als erste große Liga weltweit mit der neuen Saison. Ob sich Fans, Trainer und Spieler darüber freuen, wird in Russland kaum diskutiert. Im Ausland dagegen umso mehr. Denn die KHL riskiert viel, um mitten in der Corona-Pandemie wieder Eishockey zu spielen. Zum Teil sogar vor Zuschauern. Vorhang auf für eine Saison voller Fragezeichen.

Brot und Spiele. Bereits im alten Rom wussten die Machthaber, wie Sportereignisse von gesellschaftlichen Problemen ablenken. Der reguläre KHL-Saisonstart fällt allein schon deshalb in diese Kategorie, weil sich das Virus nicht an Zeitpläne hält. Gespielt wird trotzdem. Wie lange und unter welchen Bedingungen ist jedoch unklar. Durchgeführt wird die neue Saison wie ein Testlauf. Spieler, Trainer, Betreuer sowie Zuschauer sind dabei die Probanden.

Die Rahmenbedingungen:

Nach dem Verzicht von Admiral Wladiwostok startet die KHL mit 23 Teilnehmern in die neue Spielzeit. Das Eröffnungsspiel am Mittwoch bestreiten CSKA Moskau und Ak Bars Kazan. Durch die ungerade Teilnehmeranzahl hat die Liga die Divisionen neu zusammengestellt, Torpedo wechselt die Conference. Die Nationalmannschaft erhält drei Spielpausen. Ein Zeitpuffer, der auch für mögliche Nachholspiele genutzt werden kann. Ein Hygienekonzept in den Arenen soll die Verbreitung des Virus verlangsamen. Eine Insel-Lösung wie in der NHL ist in der KHL wirtschaftlich nicht zu stemmen. Zudem haben viele Spieler eine Corona-Erkrankung bereits durchgemacht. Dynamo Moskau-Trainer Vladimir Krikunov sprach in einem Interview von 23 Akteuren in seinem Team mit entsprechenden Antikörpern im Blut.

Dennoch ist das Risiko groß. Denn alle Hoffnungen ruhen darauf, dass sich die Zahl der Neuinfektionen in Grenzen hält und sich die Situation weiter verbessert. Doch die medizinische Komponente ist nicht die einzige große Unbekannte der neuen Saison. Es gibt auch eine politische.

Was passiert in Belarus?

Die Politik spielt seit Gründung der KHL keine unbedeutende Rolle. Traditionell sind in Russland die Sportverantwortlichen eng mit dem Wirtschafts- und Politikeliten verbunden. Gleichzeitig war die multinationale Liga immer auch als völkerverständigende Maßnahme gedacht. Sport hilft, Vorurteile abzubauen und überwindet Grenzen. Sport hat aber auch eine Vorbildfunktion. Natürlich blicken viele Akteure daher nach Nordamerika und fragen sich, wie sie mit Dinamo Minsk umgehen sollen? In der weißrussischen Hauptstadt gibt es beinahe täglich Demonstrationen, werden Oppositionelle verhaftet, ein Generalstreik lähmt das ganze Land. Jokerit Helsinki, der erste Gegner von Dinamo wollte daher die Partie in Minsk absagen. Ohne Erfolg. Gelöst ist damit aber nichts. Denn der politische Konflikt in Belarus zieht sich auch durch das Team: Der Generaldirektor von Dinamo ist ein Unterstützer von Präsident Lukashenko, während die Fanbasis und die Sponsoren gegen ihn sind. Doch Minsk will sich genauso wie die gesamte KHL ausschließlich auf den Sport konzentrieren und alles andere ausblenden. Analog zum Corona-Virus weiß niemand, wie lange diese Taktik aufgeht.

Sportlich so spannend wie noch nie:

Neben so vielen Unbekannten gibt es aus der KHL aber auch positive Signale, denn die Konkurrenz in der Liga war noch nie so groß wie aktuell. Erstmals gibt es eine strenge Gehaltsobergrenze, an die sich alle Teams halten müssen. Dadurch verschieben sich die Kräfteverhältnisse zwar nicht sofort – doch die Konkurrenzsituation ist neu. Zu den Titelanwärtern gehören im Westen trotzdem wieder CSKA Moskau, St. Petersburg und Jaroslawl und im Osten Kazan, Magnitogorsk und Omsk.

Besonders spannend ist zudem, dass erstmals gleich mehrere Teams jungen aufstrebenden Talenten eine Chance geben. Hinzu kommen 14 Akteure mit Verträgen in Nordamerika, die die Saison in der KHL beginnen werden. Trotz der vielen Risiken ist die Liga bei den Zuschauern zurückhaltend. Zumeist nur ca. 10 Prozent der normalen Auslastung dürfen zum Saisonbeginn in die Arenen, an manchen Standorten sind gar keine Fans zugelassen.

Insgesamt ist die neue KHL-Saison ein großes Wagnis. Die Verantwortlichen hoffen, dass die angetretene Reise ins Unbekannte, die mit dem ersten Schritt am Mittwoch beginnt, nicht bereits nach dem zweiten oder dritten Schritt wieder beendet werden muss.

KHL hält am frühen Beginn fest

Die KHL bleibt beim ursprünglich geplanten Saisonstart. Trotz vieler weiterhin ungelöster Fragen präsentierte die multinationale Liga am vergangenen Freitag den Spielplan für die neue Saison – die Corona-Pandemie findet sich nur im Kleingedruckten wieder.

Es scheint fasst so, als ob die KHL-Verantwortlichen einfach die Augen vor der Realität verschließen wollen. Nachdem sie die Veröffentlichung des Spielplans Woche für Woche verschoben haben, werden die ungeklärten Probleme nun einfach kleingeredet. Doch der Reihe nach. Nach dem bereits im April verkündeten Verzicht von Admiral startet die KHL mit nunmehr 23 Teilnehmern wie geplant am 2. September die neue Spielzeit. Das Eröffnungsspiel bestreiten die beiden zuletzt Erstplatzierten der Conferences CSKA und Ak Bars.

Insgesamt absolviert jede Mannschaft 60 Hauptrundenspiele: Zweimal untereinander, acht- bis zehnmal innerhalb der eigenen Division und sechs bis acht Spiele innerhalb der Conference. Durch die ungerade Teilnehmeranzahl hat die Liga die Divisionen zum Teil neu zusammengestellt. Die wichtigste Änderung ergibt sich für Torpedo. Der Klub aus Nizhny Novgorod kehrt zurück in den Osten. Ebenfalls neu ist, dass Teilnehmer aus dem Westen nach Neujahr nicht mehr in den äußersten Osten nach Khabarovsk reisen müssen und Amur die letzten Saisonspiele alle in der Fremde spielt.

Auswärtsreisen wurden entzerrt, für die Nationalmannschaft erneut drei Spielpausen eingeplant. Die Playoffs sollen am 2. März beginnen, das letzte Spiel des Gagarin Cups ist für den 30. April terminiert.

Nicht festlegen möchte sich die Liga beim Zuschauerkonzept. So wurden Fans weder generell verboten, noch eine Maximalauslastung pro Arena festgelegt. Diese soll jeweils von Spielort zu Spielort von den regionalen Behörden bestimmt werden. Laut Liga-Präsident Alexei Morozov dürfen in der Region Moskau die Arenen mit aktuell 50 % Zuschauern belegt werden, in anderen Regionen Russlands mit 10 % und in Kasachstan dürfen gar keine Spiele stattfinden. Deswegen startet Barys auswärts in die Saison.

Alle Hoffnungen ruhen darauf, dass sich die Zahl der Neu-Infektionen in Grenzen hält und sich die Situation verbessert. Eine sehr gewagte Annahme, zumal sich die Corona-Situation global gesehen aktuell eher verschlechtert als verbessert. Zu den ausländischen Teams, die Stand jetzt hinter geschlossenen Grenzen sitzen, äußerte sich Morozov ausweichend. „Die Situation ist unter Kontrolle, die Liga verfügt über Spezialisten, die den Vereinen bei der Lösung aller Probleme helfen.“

Mögliche Spielabsagen durch Corona will die Liga mit Ausweichterminen begegnen. Die medizinischen Anforderung an jeden Standort sollen zudem laufend aktualisiert und der Situation angepasst werden. Klar ist damit nur, dass in der KHL weiterhin vieles unklar bleibt.

Die Corona-Pandemie hält die KHL weiter im Würgegriff

Knapp fünf Wochen vor dem geplanten Saisonstart ist noch immer unklar, wie viele Mannschaften an den Start gehen können. Dadurch fehlt der Spielplan. Und: Die Viruserkrankungen nehmen zu.

Fünf Teams haben positive Testergebnisse bekanntgegeben. Besonders betroffen sind CSKA Moskau und Avangard Omsk. Doch es sind weniger die einzelnen Fallzahlen – über 20 positive Test bei Avangard und sieben bei CSKA – die der Liga Sorgen bereiten. Denn alle positiven Proben wurden zu Beginn der Trainingscamps genommen, die Betroffenen sind symptomfrei und wurden isoliert. Die wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen jedoch werden bleiben. Zwar sollen auch in Russland jeweils abhängig vom Infektionsgeschehen in der Region unterschiedlich viele oder überhaupt keine Zuschauer in die Stadien gelassen werden. Doch anders als in der DEL finanzieren sich die KHL-Klubs weniger über die Zuschauereinnahmen und der Wirtschaft fehlt Geld.

Das weiterhin größte Problem ist der Umgang mit den ausländischen Standorten. Nur Optimisten glauben noch daran, dass die Grenzen zur EU tatsächlich bald öffnen, nachdem die Infektionszahlen in Russland konstant hoch und in Europa wieder steigend sind. Vor allem die Teilnahme von Jokerit Helsinki wird daher immer unwahrscheinlicher. Einen temporären Umzug nach Russland lehnen die Finnen ab. Den Fans bleibt daher weiterhin nur abzuwarten. Bald muss sich die Liga entscheiden.

Die NHL wildert bei CSKA Moskau – KHL-Stars verzichten auf Geld und Spielpraxis

So etwas gab es seit Sowjet-Zeiten nicht mehr: Am 13. Juli unterschrieben gleich vier CSKA-Akteure in der NHL. Was erwartet Kirill Kaprizov (Wild), Ilya Sorokin (Islanders), Alexander Romanov (Canadiens) und Mikhail Grigorenko (Blue Jackets) und auf was für Spieler können sich die Fans freuen?

Stürmer Kirill Kaprizov 23 – der lang erwartete Franshise-Spieler

Erst in der fünften Runde wurde Kaprizov 2015 gedraftet – aktuell ist er der wahrscheinlich beste Stürmer außerhalb der NHL. Bereits 2017 wollte ihn Minnesota verpflichten, doch Kaprizov entschied sich für die Heimat und für Olympia. Sein Plan ging auf. Mit CSKA gewann er den Gagarin Cup und wurde zweimal bester Torschütze der KHL. 2018 schoss er Russland zu Olympiagold. Corona brachte seine NHL-Pläne nun durcheinander. Frühestens im Dezember darf Kaprizov wieder spielen, weshalb in Moskau Hoffnung aufkam, den Stürmer mit viel Geld zum Bleiben zu überreden. Anders als 2017 entschied sich Kaprizov diesmal dagegen. Das erste Jahr seines Vertrags gilt immerhin als abgegolten. Noch wichtiger ist für Kaprizov jedoch die Wertschätzung. Per Video-Schaltung überreichte ihm GM Bill Guerin sein neues Trikot und Verteidiger Jared Spurgeon bot ihm Hilfe für die Eingewöhnung an. Ein Visum fehlt jedoch. Jetzt soll Kaprizov direkt nach Kanada reisen, um mit dem Team zu trainieren und sich einzugewöhnen.

Torwart Ilya Sorokin 25 – Konkurrenz für Thomas Greiss

Zum Türöffner in der NHL wurde ausgerechnet sein langjähriger Konkurrent. Über die vergangenen Jahre teilten sich Ilya Sorokin und Igor Shesterkin die Rolle im Tor der Sbornaja. Nachdem Shesterkin bei den Rangers für Furore sorgt, hatten die Islanders keine Sorge mehr, Sorokin mit einem Vertrag auszustatten. Zumal Sorokin im direkten Duell mit Shesterkin in Russland zumeist der Stärkere war. Aber in der NHL zählen andere Qualitäten. Vor allem außerhalb seines Kastens muss sich Sorokin deutlich steigern. Sein Positionsspiel und die stoische Ruhe zeichnen ihn aus. Ähnlich wie Kaprizov soll auch Sorokin so schnell wie möglich nach Nordamerika fliegen und mit seinem neuen Team trainieren. Als Ersatz für Thomas Greiss?

Verteidiger Alexander Romanov 20 – Nachfolger für Andrei Markov

Der laufstarke Offensivverteidiger teilte in der KHL das Schicksal vieler Talente. Bei CSKA durfte Romanov nur in der dritten Reihe agieren und erhielt kaum Eiszeit in Überzahl. Dabei war er bei den vergangenen zwei Junioren-WM Russlands auffälligster Verteidiger mit gutem Aufbaupass und Spielverständnis. Trotz seiner 1,81 Meter geht er zudem keinem Körperkontakt aus dem Weg. Mit viel Vertrauen kann sich Romanov in Montreal zu einem Nachfolger von Andrei Markov entwickeln, doch auch bei ihm wird die Umgewöhnung Zeit brauchen.

Stürmer Mikhail Grigorenko 26 – zweite Chance

Im Gegensatz zu den ehemaligen Teamkollegen ist die NHL für Mikhail Grigorenko kein Neuland. Doch in Buffolo und in Colorado konnte er sich nicht durchsetzen. Die Zeit in der KHL hat ihn reifen lassen. Als Center oder Außenstürmer agierte Grigorenko bei CSKA offensiv wie defensiv sehr konstant. Mit einem guten Schuss und wenig Fehlern. Sein Vertrag in Columbus ist für beide Seiten eine Art Kennenlernen. Die Blue Jackets bezahlen Grigorenko weniger als sein letzter NHL-Kontrakt Wert war. Der Stürmer erhält eine zweite Chance in der besten Liga der Welt. Nun haben es alle vier Ex-CSKA-Akteure selbst in der Hand, ihren Traum von der NHL zu verwirklichen.

Bragin und Larionov übernehmen

Eigentlich passieren Revolutionen in Russland immer in den Wintermonaten. Nun bahnt sich aber ausgerechnet Anfang Juni eine Personalrochade im russischen Eishockey an, die die sportliche Ausrichtung im Riesenreich über Jahre hinweg prägen wird.

Offiziell ist es noch nicht: Aber die Hinweise verdichten sich, dass die Sbornaja im Juni einen neuen Cheftrainer erhält. Alexei Kudashov, der bislang den Posten inne hat und gleichzeitig auch SKA St. Petersburg als Basisklub der Nationalmannschaft betreut, wird verabschiedet.

Die Entscheidung hat weniger mit seiner Leistung, sondern vielmehr mit
der neuen Ausrichtung beim Vorzeige KHL-Klub zu tun. Denn durch die neue, strenge Gehaltsobergrenze in der Liga setzt St. Petersburg nicht mehr auf große Namen, sondern auf aufstrebende einheimische Talente. Konsequent bemüht sich SKA um die besten Jugendspieler des Landes. Teure Stars wie Nail Yakupov werden dagegen verkauft oder getauscht.

Da trifft es sich gut, dass mit Valeri Bragin seit 28. Januar der aktuelle U-20 Nationaltrainer bei SKA tätig ist. Bisher als Co-Trainer beschäftigt, steigt der bald 64-Jährige Coach nun in der Hierarchie auf und erhält das Vertrauen, gleichzeitig die
Sbornaja für die kommenden olympischen Spiele aufzubauen. An der Praxis der vergangenen Jahre, den Cheftrainer von SKA und den der Nationalmannschaft in einer Person zu vereinen, soll festgehalten werden.

Bragin wird daher wie seine Vorgänger Kudashov, Vorobjev und Znarok mit einer großen Machtfülle ausgestattet. Gleichzeitig bleibt er jedoch eine Marionette der Strippenzieher beim Verband. Sollte es sportlich also nicht laufen, kann diese Machtfülle schnell zum Ballastrucksack werden.

Auf dem Papier erscheint die Personalie Bragin jedoch erst einmal vielversprechend: Denn es gibt weltweit wohl keinen erfolgreichen russischen Eishockeyprofi, den Bragin nicht bereits trainiert hat. Seit zehn Jahren coacht Bragin die U-20 bei allen wichtigen Turnieren und Lehrgängen. Diesen Posten muss er aufgeben, wenn er SKA und die Nationalmannschaft übernimmt.

Sein Nachfolger im Nachwuchs soll mit Igor Larionov eine gleichsam verehrte wie umstrittene russische Legende werden. Denn der zweimalige Olympiasieger, vierfacher Weltmeister und dreifache Stanley Cup-Champion fällt in Russland vor allem als Systemkritiker auf. Angedachte zentrale Aufgaben wie die KHL-Präsidentschaft zu Beginn der Liga hatte Larionov in der Vergangenheit stets abgelehnt.

Nach seiner Karriere baute sich der Professor dagegen ein eigenes Weinunternehmen auf, lebte in Amerika und kritisierte in Interviews den Zustand des russischen Eishockeys. Als Trainer trat er nicht in Erscheinung, bis ihn der Verband überraschend im November 2019 zum Assistenztrainer von Bragin bei der U-20 berief. Auch hier nahm Larionov kein Blatt vor den Mund. Kurz vor der WM im Dezember warf er der russischen Juniorenliga MHL Korruption und verschobene Spiele vor.

Larionov eckt an und ist doch ein so guter Kommunikator und Eishockeyexperte, sodass der Verband ihm nun die Verantwortung übergibt und ihn zum Chef der U-20 Nationalmannschaft beruft.

Mit Igor Larionov und Valeri Bragin auf den wichtigsten Trainerplätzen im Lande schlägt Russland ein neues Eishockey-Kapitel in einer wirtschaftlich und gesellschaftlich besonders schwierigen Zeit auf. Es ist ein spannendes Experiment mit ungewissem Ausgang.

Brooks Macek erntet die Früchte seiner Arbeit

Brooks Macek hat es geschafft. In der vergangenen Woche unterschrieb der deutsche Nationalstürmer einen neuen Zweijahresvertrag bei Avtomobilist Yekaterinburg und erntet damit die Früchte seiner sehr erfolgreichen Saison in der KHL.

Als fünfter Importspieler kam Macek im Vorjahr aus der AHL nach Russland – als völlig unbeschriebenes Blatt für die KHL. Das einzig relevante in seiner Vita waren für Fans und Medien die Auftritte mit der deutschen Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen. Doch das sollte sich schnell ändern. Denn Macek entwickelte sich nach seiner Verpflichtung immer mehr zu einem Stützpfeiler des Teams.

Natürlich halfen ihm die KHL-erfahrenen nordamerikanischen Akteure in der Mannschaft bei der Eingewöhnung. Doch Macek zeigte von Woche zu Woche, dass er nicht nur mithalten kann, sondern selbst Akzente setzt. Der Stürmer überzeugte bei Avtomobilist mit seiner Geschwindigkeit, dem Spielverständnis und harter Arbeit.

Schon bald stand Macek in allen entscheidenden Spielsituationen auf dem Eis: Überzahl, Unterzahl, Verlängerung. Und der Stürmer traf. Bereits in seinem dritten Saisonspiel gelang ihm ein Doppelpack gegen SKA St. Petersburg. Am Ende der regulären Saison standen für Macek 22 Assists und beeindruckende 24 Tore zu Buche. Damit wurde er viertbester Torjäger der gesamten Liga.

Auch wenn es für ihn wie für das gesamte Team in den anschließenden Playoffs nicht gut lief, freuten sich die Fans überschwänglich über die Vertragsverlängerung. Teamintern wird Macek nun aufsteigen, vor allem finanziell. Durch den neuen kanadischen Trainer Bill Peters erleichtert sich für ihn zudem die Verständigung auf der Spielerbank und beim Training. Damit es zum perfekten Glück reicht, muss es jetzt nur noch mit dem erhofften Gagarin Cup-Sieg klappen.

Kasachstan taumelt und sucht einen neuen Erfolgsweg

Was ist los mit dem kasachischen Eishockey? Diese Frage stellten sich viele Fans nach dem blamablen Ausscheiden in der Olympiaqualifikation gegen Polen. Die Antwort ist vielschichtig.

„Ich bin immer noch verärgert wegen der Niederlage gegen Polen. Es ist wirklich schwer, das zu ertragen. Daher bin froh, dass wir heute gewonnen haben.“ Henrik Karlsson sitzt nach dem Spiel von Barys gegen Sotschi mit hängendem Kopf in der Kabine und rätselt noch immer: Wie konnte das passieren?

53 zu 17 lautete das Schussverhältnis im Spiel gegen Polen. Vor heimischem Publikum in Nur-Sultan gelang Kasachstan den 0:2 Rückstand zu egalisieren. Läuferisch, technisch und taktisch war das Team dem Gegner überlegen. Doch John Murray im Tor der Polen ließ sich nicht mehr überwinden, während seine Vorderleute aus zwei Schüssen im Schlussdrittel einmal trafen und das Turnier sensationell gewannen.

Die Niederlage stellt nun das komplette System in Frage. Denn der KHL-Standort Barys bildet die Basis fürs Nationalteam. Hier dürfen die kasachischen Spieler reifen und die traditionell starken nordamerikanischen Importe werden eingebürgert. Mit Erfolg zumindest in der Liga: Barys gehört in der Eastern Conference zu den besten Mannschaften, auch in dieser Saison ist die Playoff-Qualifikation bereits gesichert. Vielleicht war es genau diese Gewissheit, die Kasachstan im entscheiden Spiel das Genick brach.

Spieler und Trainer suchten jedenfalls die Schuld bei sich selbst. „Ich bin für die Niederlage verantwortlich und möchte mich bei den Fans entschuldigen“, meinte Coach Andrei Skabelka gleich nach dem Spiel gegen Polen. Der Weißrusse trainiert Barys und das Nationalteam in Personalunion und setzte im Turnier auf seine erfahrenen Akteure, die in der KHL regelmäßig treffen und die Kasachstan auch zurück in die Gruppe der stärksten Eishockeynationen der Welt zurückführten. Die baldige Endrunde mit Barys und die anstehende WM in der Schweiz sind auch der einzige Grund, warum Skabelka nach der Niederlage nicht sofort gefeuert wurde.

Für die meisten Leistungsträger im Team war die Qualifikation altersbedingt die letzte Chance auf eine Olympiateilnahme. Nach der Niederlage wäre es eigentlich an der Zeit, der nachrückenden Generation eine Chance zu geben. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass den Verlierern gegen Polen in der Schweiz die Möglichkeit zur Rehabilitation gegeben wird. Wenn sie den Klassenerhalt schaffen, redet bis zum Turnier in Peking bald niemand mehr über die Schmach vom Februar. Wenn jedoch auch die WM vergeigt wird, muss Skabelka spätestens im Frühjahr gehen und die drängendste Frage – ob die vielen Einbürgerungen dem kasachischen Eishockey wirklich weiterhelfen – wird von vorne losgehen.