Bragin und Larionov übernehmen

Eigentlich passieren Revolutionen in Russland immer in den Wintermonaten. Nun bahnt sich aber ausgerechnet Anfang Juni eine Personalrochade im russischen Eishockey an, die die sportliche Ausrichtung im Riesenreich über Jahre hinweg prägen wird.

Offiziell ist es noch nicht: Aber die Hinweise verdichten sich, dass die Sbornaja im Juni einen neuen Cheftrainer erhält. Alexei Kudashov, der bislang den Posten inne hat und gleichzeitig auch SKA St. Petersburg als Basisklub der Nationalmannschaft betreut, wird verabschiedet.

Die Entscheidung hat weniger mit seiner Leistung, sondern vielmehr mit
der neuen Ausrichtung beim Vorzeige KHL-Klub zu tun. Denn durch die neue, strenge Gehaltsobergrenze in der Liga setzt St. Petersburg nicht mehr auf große Namen, sondern auf aufstrebende einheimische Talente. Konsequent bemüht sich SKA um die besten Jugendspieler des Landes. Teure Stars wie Nail Yakupov werden dagegen verkauft oder getauscht.

Da trifft es sich gut, dass mit Valeri Bragin seit 28. Januar der aktuelle U-20 Nationaltrainer bei SKA tätig ist. Bisher als Co-Trainer beschäftigt, steigt der bald 64-Jährige Coach nun in der Hierarchie auf und erhält das Vertrauen, gleichzeitig die
Sbornaja für die kommenden olympischen Spiele aufzubauen. An der Praxis der vergangenen Jahre, den Cheftrainer von SKA und den der Nationalmannschaft in einer Person zu vereinen, soll festgehalten werden.

Bragin wird daher wie seine Vorgänger Kudashov, Vorobjev und Znarok mit einer großen Machtfülle ausgestattet. Gleichzeitig bleibt er jedoch eine Marionette der Strippenzieher beim Verband. Sollte es sportlich also nicht laufen, kann diese Machtfülle schnell zum Ballastrucksack werden.

Auf dem Papier erscheint die Personalie Bragin jedoch erst einmal vielversprechend: Denn es gibt weltweit wohl keinen erfolgreichen russischen Eishockeyprofi, den Bragin nicht bereits trainiert hat. Seit zehn Jahren coacht Bragin die U-20 bei allen wichtigen Turnieren und Lehrgängen. Diesen Posten muss er aufgeben, wenn er SKA und die Nationalmannschaft übernimmt.

Sein Nachfolger im Nachwuchs soll mit Igor Larionov eine gleichsam verehrte wie umstrittene russische Legende werden. Denn der zweimalige Olympiasieger, vierfacher Weltmeister und dreifache Stanley Cup-Champion fällt in Russland vor allem als Systemkritiker auf. Angedachte zentrale Aufgaben wie die KHL-Präsidentschaft zu Beginn der Liga hatte Larionov in der Vergangenheit stets abgelehnt.

Nach seiner Karriere baute sich der Professor dagegen ein eigenes Weinunternehmen auf, lebte in Amerika und kritisierte in Interviews den Zustand des russischen Eishockeys. Als Trainer trat er nicht in Erscheinung, bis ihn der Verband überraschend im November 2019 zum Assistenztrainer von Bragin bei der U-20 berief. Auch hier nahm Larionov kein Blatt vor den Mund. Kurz vor der WM im Dezember warf er der russischen Juniorenliga MHL Korruption und verschobene Spiele vor.

Larionov eckt an und ist doch ein so guter Kommunikator und Eishockeyexperte, sodass der Verband ihm nun die Verantwortung übergibt und ihn zum Chef der U-20 Nationalmannschaft beruft.

Mit Igor Larionov und Valeri Bragin auf den wichtigsten Trainerplätzen im Lande schlägt Russland ein neues Eishockey-Kapitel in einer wirtschaftlich und gesellschaftlich besonders schwierigen Zeit auf. Es ist ein spannendes Experiment mit ungewissem Ausgang.

Brooks Macek erntet die Früchte seiner Arbeit

Brooks Macek hat es geschafft. In der vergangenen Woche unterschrieb der deutsche Nationalstürmer einen neuen Zweijahresvertrag bei Avtomobilist Yekaterinburg und erntet damit die Früchte seiner sehr erfolgreichen Saison in der KHL.

Als fünfter Importspieler kam Macek im Vorjahr aus der AHL nach Russland – als völlig unbeschriebenes Blatt für die KHL. Das einzig relevante in seiner Vita waren für Fans und Medien die Auftritte mit der deutschen Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen. Doch das sollte sich schnell ändern. Denn Macek entwickelte sich nach seiner Verpflichtung immer mehr zu einem Stützpfeiler des Teams.

Natürlich halfen ihm die KHL-erfahrenen nordamerikanischen Akteure in der Mannschaft bei der Eingewöhnung. Doch Macek zeigte von Woche zu Woche, dass er nicht nur mithalten kann, sondern selbst Akzente setzt. Der Stürmer überzeugte bei Avtomobilist mit seiner Geschwindigkeit, dem Spielverständnis und harter Arbeit.

Schon bald stand Macek in allen entscheidenden Spielsituationen auf dem Eis: Überzahl, Unterzahl, Verlängerung. Und der Stürmer traf. Bereits in seinem dritten Saisonspiel gelang ihm ein Doppelpack gegen SKA St. Petersburg. Am Ende der regulären Saison standen für Macek 22 Assists und beeindruckende 24 Tore zu Buche. Damit wurde er viertbester Torjäger der gesamten Liga.

Auch wenn es für ihn wie für das gesamte Team in den anschließenden Playoffs nicht gut lief, freuten sich die Fans überschwänglich über die Vertragsverlängerung. Teamintern wird Macek nun aufsteigen, vor allem finanziell. Durch den neuen kanadischen Trainer Bill Peters erleichtert sich für ihn zudem die Verständigung auf der Spielerbank und beim Training. Damit es zum perfekten Glück reicht, muss es jetzt nur noch mit dem erhofften Gagarin Cup-Sieg klappen.

Kasachstan taumelt und sucht einen neuen Erfolgsweg

Was ist los mit dem kasachischen Eishockey? Diese Frage stellten sich viele Fans nach dem blamablen Ausscheiden in der Olympiaqualifikation gegen Polen. Die Antwort ist vielschichtig.

„Ich bin immer noch verärgert wegen der Niederlage gegen Polen. Es ist wirklich schwer, das zu ertragen. Daher bin froh, dass wir heute gewonnen haben.“ Henrik Karlsson sitzt nach dem Spiel von Barys gegen Sotschi mit hängendem Kopf in der Kabine und rätselt noch immer: Wie konnte das passieren?

53 zu 17 lautete das Schussverhältnis im Spiel gegen Polen. Vor heimischem Publikum in Nur-Sultan gelang Kasachstan den 0:2 Rückstand zu egalisieren. Läuferisch, technisch und taktisch war das Team dem Gegner überlegen. Doch John Murray im Tor der Polen ließ sich nicht mehr überwinden, während seine Vorderleute aus zwei Schüssen im Schlussdrittel einmal trafen und das Turnier sensationell gewannen.

Die Niederlage stellt nun das komplette System in Frage. Denn der KHL-Standort Barys bildet die Basis fürs Nationalteam. Hier dürfen die kasachischen Spieler reifen und die traditionell starken nordamerikanischen Importe werden eingebürgert. Mit Erfolg zumindest in der Liga: Barys gehört in der Eastern Conference zu den besten Mannschaften, auch in dieser Saison ist die Playoff-Qualifikation bereits gesichert. Vielleicht war es genau diese Gewissheit, die Kasachstan im entscheiden Spiel das Genick brach.

Spieler und Trainer suchten jedenfalls die Schuld bei sich selbst. „Ich bin für die Niederlage verantwortlich und möchte mich bei den Fans entschuldigen“, meinte Coach Andrei Skabelka gleich nach dem Spiel gegen Polen. Der Weißrusse trainiert Barys und das Nationalteam in Personalunion und setzte im Turnier auf seine erfahrenen Akteure, die in der KHL regelmäßig treffen und die Kasachstan auch zurück in die Gruppe der stärksten Eishockeynationen der Welt zurückführten. Die baldige Endrunde mit Barys und die anstehende WM in der Schweiz sind auch der einzige Grund, warum Skabelka nach der Niederlage nicht sofort gefeuert wurde.

Für die meisten Leistungsträger im Team war die Qualifikation altersbedingt die letzte Chance auf eine Olympiateilnahme. Nach der Niederlage wäre es eigentlich an der Zeit, der nachrückenden Generation eine Chance zu geben. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass den Verlierern gegen Polen in der Schweiz die Möglichkeit zur Rehabilitation gegeben wird. Wenn sie den Klassenerhalt schaffen, redet bis zum Turnier in Peking bald niemand mehr über die Schmach vom Februar. Wenn jedoch auch die WM vergeigt wird, muss Skabelka spätestens im Frühjahr gehen und die drängendste Frage – ob die vielen Einbürgerungen dem kasachischen Eishockey wirklich weiterhelfen – wird von vorne losgehen.

Wie Dmitrij Jaskin die KHL erobert

Deutsch-Kanadier, Russlanddeutsche, Deutsche mit tschechischen Wurzeln: Eishockeyfans kennen Einbürgerungen nur zu gut. In der KHL suchen zwei Teams gar nicht erst nach entfernten Verwandten. Bei Barys und Dinamo Minsk erhalten Importspieler einen kasachischen bzw. weißrussischen Pass, sobald sie für die Nationalmannschaft interessant sind. In Russland sorgt aktuell jedoch ein umgekehrter Fall für Furore. Dmitrij Jaskin – ein Russland-Tscheche mit NHL-Erfahrung ist überraschend bester Torschützer der multinationalen Liga. Eine erstaunliche Entwicklung.

Es war die wirtschaftliche Situation in Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion, die dafür sorgte, dass sich russische Eishockeyspieler über den ganzen Erdball verteilten. Die besten gingen nach Nordamerika, viele nach Europa. Auch Verteidiger Alexei Jaskin aus Krasnojarsk in Sibirien, der 1993 mit seiner Familie ins tschechische Vsetin wechselte. Sein Sohn Dmitrij war damals acht Monate alt. Und während der Vater in Vsetin Erfolge feierte und insgesamt sechs tschechische Meisterschaften gewann, wuchs der Sohn in einem Land auf, das er ganz schnell Heimat nannte.

Natürlich sprach die Familie zu Hause russisch, doch sozialisiert wurde Dmitrij Jaskin in Tschechien. Erzählen muss er diese Geschichte in dieser Saison immer wieder. Denn nachdem Jaskin im Sommer aus der NHL in die KHL wechselte, ist sein Name in Russland in aller Munde. Dies hatte zunächst negative Gründe. Denn der Neuzugang von Dynamo Moskau erwischte keinen idealen Start. Es fehlten Fitness und Konzentration, um den hohen Erwartungen in Moskau an einen Akteur mit über 300 NHL-Spielen gerecht zu werden. Doch die persönliche Situation half ihm. Denn plötzlich waren die Russischkenntnisse gefragt und auch sein Verständnis für die Kultur und Mentalität der Menschen auf und neben der Eisfläche.

Jaskin akzeptierte die Kritik, trainiert hart und wird von Woche zu Woche besser. Nach 53 Spielen kann er auf die stolze Bilanz von 27 Toren und insgesamt 59 Scorerpunkten verweisen. Jaskin ist in der KHL nicht nur angekommen, er dominiert die Liga mittlerweile. Natürlich profitiert der Stürmer dabei von Center Vadim Shipachyov, seinem kongenialen Partner, der ihn immer wieder in aussichtsreicher Position findet.

Jaskin bringt alles mit für einen erfolgreichen Außenstürmer. Kraft, Größe, Geschwindigkeit und einen guten Schuss. In der NHL durfte er trotzdem meist nur in den unteren Reihen agieren. Bei Dynamo dagegen spielt er die erste Geige und erhält viel Eiszeit. Im März wird er 27 Jahre alt. Dann möchte Jaskin mit Dynamo Moskau in die Playoffs die Phalanx von SKA St. Petersburg und CSKA Moskau in der Western Conference durchbrechen und Champion werden. Was danach passiert, ist offen. Bleibt Jaskin gesund, wird er bei der WM in der Schweiz erneut für Tschechien antreten. Trifft er bis dahin weiterhin so regelmäßig, ist es gut möglich, dass auch die NHL wieder anklopft. Beim tschechischen Stürmer mit russischen Wurzeln.

KHL: Die spannendsten offenen Fragen der Saison

Die KHL-Saison 2019/20 biegt nach dem All-Star-Wochenende auf die Zielgerade der Spielzeit ein. Um die zehn Partien stehen für die meisten Teams noch auf dem Programm, ehe die Endrunde startet. Was sind die spannendsten noch offenen Fragen?

Wer wird Hauptrunden-Champion?

Diese Frage war seit Ligagründung im abergläubischen Russland vor allem ein psychologischer Faktor. Denn jahrelang wurde der Meister der Hauptrunde am Ende nicht Gagarin Cup-Champion. Die Teams sprachen sogar von einem regelrechten Fluch, den CSKA Moskau in der vergangenen Saison allerdings erstmals durchbrach. Und jetzt? Trotz der gestiegenen Konkurrenz in der Liga sind die heißesten Anwärter auf den unbeliebten Titel erneut CSKA Moskau und SKA St. Petersburg. Die beiden Top-Klubs aus der Western Conference agieren aktuell jedoch deutlich weniger im Gleichschritt als in den Vorjahren. Vor allem die Leistungen von SKA sind wenig konstant. Statt großer Namen sollen es in dieser Spielzeit talentierte Jungstars richten. CSKA wiederum hat den ligaweit mit Abstand stärksten Kader, dafür mitunter Probleme mit der Motivation.

Wie weit vorne in der Scorerliste landet Brooks Macek?

Einen Rekord hat der Nationalstürmer bereits gebrochen. Seit vergangener Woche ist Macek der erfolgreichste deutsche Spieler in der KHL. Mit 40 Scorerpunkten aus bisher 50 Spielen knackte Macek die bisherige Bestmarke von Felix Schütz aus der Spielzeit 2013/14. Damals erreichte Schütz im Trikot von Admiral 38 Punkte. Macek hat gute Chancen am Ende sogar unter der fünf besten Scorern der Liga zu landen. Seine bislang 20 Tore sind zudem beste Eigenwerbung für einen neuen und vermutlich noch höher dotierten Vertrag in der Liga. Zumal der Deutsche im Rennen um die Torjägerkanone aktuell nur drei Treffer hinter dem führenden Kirill Kaprizov liegt. Für Macek hat sich der Wechsel in die KHL auf jeden Fall gelohnt. Bei Avtomobilist ist er zu einem Schlüsselspieler gereift und darf in allen Spielsituationen aufs Eis. Sein Team wiederum wurde im Vorjahr Erster im Osten, baute danach aber kontinuierlich ab. Nun hat Avtomobilist durchaus noch Reserven für die Playoffs und Brooks Macek kann dabei zum entscheidenden Faktor werden.

Schafft Admiral die Sensation und qualifiziert sich für die Endrunde?

Der in Deutschland gut bekannte Sergei Svetlov hat im fernen Osten in dieser Saison ein kleines Eishockeywunder vollbracht. Admiral Wladiwostok hat einen der kleinsten Etats der KHL und kann sich trotz der weiten Entfernungen keine Chartermaschine für die Auswärtsreisen leisten, sondern fliegt mit regulären Aeroflot-Flügen. Bei der Partie in der Vorwoche gegen Omsk konnte der Flieger zunächst nicht starten, sodass die Mannschaft fast zeitgleich mit den ersten Fans in der Arena ankam. Doch Svetlov macht mit dem namenlosen Team das beste aus den Bedingungen und hat weiterhin Chancen auf die Playoffs.

Geht Kazan die Luft aus?

Fast seit Saisonbeginn dominiert Ak Bars die Eastern Conference mit körperbetontem Power-Eishockey. Unter Coach Dmitri Kvartalnov müssen die Akteure traditionell viel Laufen und Checken. In seinen bisherigen Trainerstationen verloren die Mannschaften aber ausgerechnet zur entscheidenden Saisonphase Energie, während die Konkurrenz deutlich zulegte. Auch aktuell gibt es Anzeichen, dass Kazan die bereits sicher geglaubte Tabellenführung im Osten doch noch verliert.

Egal, wie die Fragen ausgehen: Die Fans in der KHL freuen sich jedenfalls auf ein spannendes Saisonfinale.

Gusev zu den Devils: Neun Millionen Dollar für kein einziges NHL-Spiel

Die Hoffnung hat Nikita Gusev den Sommer über nie aufgegeben. In seiner Moskauer Wohnung wartete der russische Flügelstürmer auf eine Entscheidung von jenseits des Atlantiks, die er nicht beeinflussen konnte. Vergangene Woche kam die für ihn erlösende Nachricht. Ohne ein einziges NHL-Spiel in den Knochen, unterschrieb er einen Zwei-Jahres-Vertrag bei den New Jersey Devils für 9 Millionen Dollar.

Der Weg dahin jedoch war steinig. „Natürlich war ich besorgt, weil ich nicht wusste, in welcher Mannschaft ich spielen werde und die Situation überhaupt nicht kontrollieren konnte“, erklärte Gusev im Gespräch mit dem russischen Sportportal championat.ru. Am Ende zahlte sich seine Geduld aus. Vor allem aber ging der Plan seines Agenten J.P. Barry auf. Zur Erinnerung: Nach dem Ausscheiden von SKA St. Petersburg aus den KHL-Playoffs bat Gusev im Frühjahr um eine vorzeitige Vertragsauflösung des bis Saisonende laufenden KHL-Vertrages. St. Petersburg stimmte unter zwei Bedingungen zu: Die KHL-Rechte des Spielers bleiben bei SKA und Gusev verpflichtet sich, bei der WM in der Slowakei für die Sbornaja aufs Eis zu gehen.

Mit diesem Versprechen unterschrieb Gusev einen Einjahres-Einstiegsvertrag bei den Las Vegas Golden Knights. Der Traum von der NHL wurde real. Doch anstatt für Vegas zur Trumpfkarte in den Playoffs zu werden, durfte Gusev zwar mit dem Team trainieren – zum Einsatz jedoch kam er nicht. Mit dem Saisonschluss endete sein Vertrag und Gusev wurde zum Restricted Free Agent. Damit konnte er sein Gehalt selbst bestimmen. Die Differenz zwischen dem Angebot von Vegas (ca. 2 Millionen Dollar pro Jahr) und Gusevs Forderungen (ca. 4 Millionen) war jedoch zu groß. Das Pokerspiel um seine Zukunft ging in die nächste Runde.

Denn trotz Interesse anderer Klubs ging es für die Golden Knights um den Gegenwert – schließlich gehörten die Rechte am Stürmer Las Vegas. Nach langen Verhandlungen reichten New Jersey am Ende zwei Draft Picks (3. Runde 2020 und 2. Runde 2021) um Gusev zu erhalten. „Wir glauben, dass er ein sehr sehr intelligenter Spieler ist, mit guten Händen. Aber er ist nicht groß gewachsen und ist auch nicht der Schnellste“, ätzte General Manager George McPhee zum Abschied. Eine weise Entscheidung?

Vegas scheute das Risiko, einen russischen Spieler ohne NHL-Erfahrung mit einem hochdotierten Vertrag auszustatten. Wohl wegen der schlechten Erfahrungen mit Vadim Shipachyov. Die Devils dagegen wollten Gusev unbedingt und nun hat der Stürmer die Chance, in einer der beiden Topreihen und mit einem spielstarken Center zu agieren: ideale Voraussetzungen also für den Edeltechniker.

Ob er sich durchsetzt, liegt nun an Gusev selbst. Neben dem harten Sommertraining nimmt er täglich Englischunterricht, um Ende August ideal vorbereitet nach Amerika zu fliegen und seine erste NHL-Saison anzugehen.

Panarin kritisiert Putin

Artemi Panarin ist kein gewöhnlicher Eishockeyspieler. Nach seiner Vertragsunterzeichnung bei den Rangers Anfang Juli ist er der bestbezahlte russische Akteur weltweit. Seit vergangener Woche kann er sich noch mehr Aufmerksamkeit sicher sein.

 

In einem ausführlichen Interview übt er schonungslos Kritik an der politischen Situation in Russland. Es ist ein bemerkenswertes Interview, das vergangenen Donnerstag auf Youtube veröffentlicht wurde. 59:13 Minuten lang, geführt vom russischen Journalisten Alexander Golovin im Juni in Panarins Wohnung in St. Petersburg für die Internetplattform sport.ru.

 

Es ist ein Mix aus Homestory, Anne Will und Markus Lanz: Fragen zu Panarins Vergangenheit („mit drei Monaten verließ mein Vater die Familie“, „mit zehn Jahren ging ich in ein Eishockeyinternat“) wechseln mit Fragen zur Wohnungseinrichtung („ich kaufe auch bei Ikea“), Finanzfragen („ich möchte eine Stiftung gründen, um u.a. Rentner in Russland zu unterstützen“) und politischen Statements („ich liebe Russland und bin kein ausländischer Agent, aber einer unserer größten Fehler ist, dass alle denken, dass es außer Wladimir Putin keinen besseren Präsidenten gibt. Das ist Quatsch.“).

 

Vor allem die politische Passage, in der Panarin schonungslos die Probleme in Russland anspricht, haben es in sich. Zur Korruption: „Wir brauchen endlich Gesetze, die für alle gelten“. Zu den gleichgeschalteten Medien: „Wenn ich den ganzen Tag Pervij Kanal [russisches Staatsfernsehen Anm. d. Red.] schauen würde, würde ich auch denken, dass alle anderen auf der Welt Teufel sind, nur wir nicht“. Zur langen Amtszeit und dem Personenkult um Präsident Putin: „Unser Fehler ist, dass wir ihn wie einen Übermenschen behandeln. Aber er ist derselbe wie wir und sollte uns theoretisch dienen“ oder „wenn ihm seit 20 Jahren jeder sagt, was für ein toller Kerl er sei und dass er alles richtig macht, glaubt er wirklich, dass er seine Fehler noch sehen kann?“.

 

Panarins Aussagen sind keine Offenbarung und beinhalten für die meisten Russen auch keine neuen Erkenntnisse. Dennoch bergen sie große Sprengkraft und werden offenbar als so gefährlich eingestuft, dass alle russischen Sportzeitungen sie totschweigen. Einer der Gründe: Panarins Sprache ist einfach, aber verständlich. Er klagt nicht aus der Position eines potentiellen Feindes an, sondern als einfacher russischer Bürger aus einem Dorf, in dem es keine Arbeit gibt.

 

Natürlich genießt Panarin Privilegien. Er lebt in Amerika und verdient in Zukunft 11,6 Millionen Dollar im Jahr. Viel Geld, mit dem er sich eine tolle Wohnung kaufen kann, mit dem er seine Familie und Freunde unterstützt und Polizisten bestechen kann, wenn sein Auto abgeschleppt wird.

 

All diese Punkte erwähnt Panarin in dem Interview. Und er erklärt, dass das beste Angebot sogar bei 12,5 Millionen Dollar lag (Colorado Avalanche, Anm. d. Red.), sein Herz jedoch bei den Rangers ist und auch nicht Freundin Alisa (Tochter von Ex-Nationaltrainer Oleg Znarok, Anm. d. Red.) die Entscheidung für den neuen Klub traf, sondern er.

 

Die Resonanz in Russland auf das Interview fällt zweigeteilt aus: Die Kommentare bei Youtube sind fast ausschließlich positiv. Dem gegenüber steht championat.ru, das einzige Sportmagazin, das zumindest erwähnt, dass Panarin das politische System in Frage stellt. Alle hier veröffentlichten Stellungnahmen von Bykov bis Michailov fallen negativ aus, mehrheitlich werden dem Stürmer mangelndes Wissen für solche Themen vorgeworfen.

 

Panarin selbst spricht bereits während des Interviews an, dass er nur seine persönliche Meinung sagt und von niemand gesteuert wird. Auch wenn die Reichweite seiner Worte im Westen viel größer ist, als in Russland selbst, wagt Panarin als erster prominenter Sportler Systemkritik zu üben. Es bleibt abzuwarten, wie die politische Führung reagiert.

Slovan Bratislava verlässt die KHL

Die Gerüchte gab es schon lange, jetzt herrscht Gewissheit: Slovan Bratislava spielt in der neuen Saison nicht mehr in der KHL, sondern kehrt in die slowakische Tipsport Liga zurück. Und das, obwohl die Ligenführung mehrere Fristen immer weiter verschob, um den Slowaken mehr Zeit zu geben, einen neuen Investor zu finden. Den gab es offensichtlich auch, allerdings war er nicht bereit, die aufgelaufenen Schulden zu übernehmen.

Das Ende von Slovan Bratislava in der KHL ist für die multinationale Liga ein herber Rückschlag. Sieben Spielzeiten lang bereicherte der erfolgreichste und wichtigste slowakische Klub das Teilnehmerfeld. Zweimal gelang Slovan die Playoff-Qualifikation und vor allem in den Anfangsjahren strömten die Zuschauer in die WM-Arena. Doch in der jüngeren Vergangenheit bestimmten sportliche Misserfolge und Zahlungsrückstände die Schlagzeilen.

Die Idee, starke einheimische Akteure zu einem Kern der Nationalmannschaft zu entwickeln, wurde nicht weiter verfolgt. Die slowakische Liga freut sich über die Rückkehr und die vielen Zuschauer. Wie der Klub jedoch bei geringeren Einnahmen die Schulden für die Stadionmiete sowie ausstehende Gehälter bezahlen will, bleibt abzuwarten:

„Es tut mir Leid“, erklärt der letztjährige Mannschaftskapitän Michal Sersen gegenüber dem slowakischen Internetportal sport.sk und fügt hinzu: „Unsere Leistungen in der besten europäischen Liga waren etwas Besonderes, die Konkurrenz sehr stark. Vor allem zu Beginn, als Slovan in die Playoffs kam, waren die Fans begeistert und auch uns hat es Spaß gemacht. Das letzte Jahr jedoch war ein Elend. Daher ist es wahrscheinlich die beste Lösung, die KHL jetzt zu verlassen“, so Sersen.

Der Verteidiger muss es wissen. Er ist der einzige Akteur, der alle sieben Spielzeiten von Slovan in der KHL auf dem Eis stand, davor gewann er mit Bratislava drei Mal die heimische Meisterschaft. Und Sersen spricht aus, was viele Fans in Russland und der Slowakei denken: Slovan hat der KHL gut getan und die Liga dem Verein. Doch spätestens, als das Management beschloss, mit zweitklassigen Importspielern und ausländischen Coaches anzutreten, ging die Rechnung nicht mehr auf. Schon gar nicht wirtschaftlich.

Allein die Schulden bei der Stadt sollen sich auf über eine Million Euro belaufen. Die Spieler warten seit Monaten auf ihre Gehälter. Dass die KHL dennoch viel Geduld mit den Slowaken zeigte, beweist die Bedeutung des Stadt. Denn Slovan ist nach Poprad und Prag bereits der dritte Standort auf dem Territorium der ehemaligen Tschechoslowakei, der sein Glück in der KHL versuchte und scheiterte. Für die KHL ist der Abschied von Slovan daher vor allem ein großer Imageschaden, der den hochtrabenden Expansionsplänen einen Dämpfer versetzt. Denn, wenn das Produkt nicht einmal in einem eishockeyverrückten, osteuropäischen Land funktioniert, wo dann?

In der KHL spielen in der neuen Spielzeit also nur noch 24 Teams, Torpedo Nizhny Novgorod wechselt zurück in die Western Conference. Slovan Bratislava aber wird fehlen.

Moskau holt den Titel: Die rote Maschine ist am Ziel

CSKA ist Gagarin Cup-Champion 2019. Dem Moskauer Armeeklub reichten vier enge Partien, um am Karfreitag den lang ersehnten Pokal in die Höhe zu stemmen.

„Es war hart und sehr schwer“, zitiert die Agentur Izvestia Kapitän Sergei Andronov und ergänzt: „Die Ergebnisse der Partien spiegeln nicht die Leistung auf dem Eis wider und bedeuten nicht, dass der Sieg für uns leicht war. Gleichzeitig ist dieser Triumph wertvoll, weil er durch so viel Schweiß und Blut erreicht wurde, weil jeder Spieler, Trainer, Manager und Mitarbeiter des Clubs so viel Arbeit investiert haben. Die Emotionen jetzt sind einfach unbeschreiblich.“

CSKA Moskau ist ein verdienter Champion. Natürlich bemängeln Kritiker, dass dem Klub deutlich größere finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, als vielen anderen Standorten. Aber das war in den Vorjahren auch schon so. Damals scheiterte CSKA aber entweder am Dauerrivalen SKA St. Petersburg oder an sich selbst.

In diesem Jahr aber war die rote Maschine nicht aufzuhalten. „Wir haben wirklich alles probiert. In meiner ganzen Karriere musste ich noch nie so viele Anpassungen von Partie zu Partie vornehmen“, erklärte der unterlegene Omsk-Trainer Bob Hartley gegenüber der russischen Zeitung Sport Express.

Hervorzuheben ist vor allem die Defensive von CSKA. Drei der vier Partien gegen Omsk entschied Moskau eigentlich mit nur einem Tor Unterschied für sich. Bereits in der Hauptrunde kassierte Moskau in 62 Spielen zudem nur 75 Gegentore. In den Playoffs waren es in 20 Partien sogar nur 24 Gegentreffer. Torhüter Ilja Sorokin wurde so zum besten Spieler der Endrunde gekürt. Ruhig, abgeklärt und mit schnellen Reflexen war der erst 23-Jährige immer zur Stelle, wenn ein Omsk-Akteur gefährlich vor ihm auftauchte.

Für viele Spieler von CSKA ist der Titel der Höhepunkt ihrer Karriere. Seit Jahren spielt der Kern des Teams bereits zusammen, die Strukturen sind gewachsen. Moskau ist eine sehr erfahrene Mannschaft – auch das zeigte sich im Finale gegen Omsk. Denn die Spieler fanden zu jedem Zeitpunkt eine Antwort auf die Aktionen des Gegners. Körperlich waren die Akteure ihren Kontrahenten ohnehin überlegen. Beim traditionellen Händeschütteln nach dem vierten Sieg wurde der Größenunterschied besonders deutlich.

Und das Team bleibt auch in der neuen Saison fast komplett zusammen: „Auf mich warten im Sommer lange Abende, an denen ich nach Möglichkeiten suchen werde, wie dieses Kollektiv zu besiegen ist“, so Omsk-Coach Hartley gegenüber Sport Express.

Doch ob Omsk überhaupt eine Revanche im neuen Jahr erhält, bleibt abzuwarten. Anders als bei CSKA enden bei Avangard fast die Hälfte alles Verträge. Moskau kann es egal sein. Ausgiebig feierte die gesamte Organisation nach 32 sowjetischen, vier russischen Titeln und 20 Europacup-Erfolgen den ersten Gagarin Cup.

Voynov sucht den richtigen Weg zurück in die NHL

Slava Voynov ist Täter und Opfer zugleich. Täter, weil ein amerikanisches Gericht ihn der häuslichen Gewalt an seiner Ehefrau für schuldig erklärte. Opfer, weil ihm die Chance auf Rehabilitierung aus Verfahrensgründen verweigert wird. In der vergangen Woche wurde Voynov auch für die kommende NHL-Spielzeit gesperrt.

Am 19. Oktober 2014 bestritt der zweifache Stanley Cup-Sieger sein letztes Spiel in der NHL. Einen Tag später wurde er wegen häuslicher Gewalt verhaftet. Seit diesem Zeitpunkt zieht die Affäre Kreise und sorgt weltweit für Schlagzeilen. Denn obwohl sich die betroffene Ehefrau damals gegen das Verfahren einsetzte, wurde Voynov verurteilt.

Nach drei Jahren bei SKA St. Petersburg, dem Gagarin Cup-Sieg 2017 und dem Olympiasieg 2018 wollte Voynov im Sommer zurück in die NHL. Zuerst stoppte ihn eine Verletzung, schließlich wurde die Suspendierung verlängert. Daher entschied sich der Verteidiger für ein Jahr Auszeit mit der Familie. Die beste Liga der Welt bleibt aber sein Ziel.

Nun muss sich Voynov entscheiden: Ein weiteres Jahr ohne Spielpraxis würde die Chancen auf eine Rückkehr endgültig begraben. In der KHL hat einer der besten russischen Verteidiger gleich mehrere Optionen. Voynov könnte aber auch mit einem Wechsel in eine europäische Liga, vielleicht sogar in die DEL liebäugeln. Schließlich sind die Verbindungen zur NHL aus Zentraleuropa deutlich enger, als aus der konkurrierenden KHL.