Panarin kritisiert Putin

Artemi Panarin ist kein gewöhnlicher Eishockeyspieler. Nach seiner Vertragsunterzeichnung bei den Rangers Anfang Juli ist er der bestbezahlte russische Akteur weltweit. Seit vergangener Woche kann er sich noch mehr Aufmerksamkeit sicher sein.

 

In einem ausführlichen Interview übt er schonungslos Kritik an der politischen Situation in Russland. Es ist ein bemerkenswertes Interview, das vergangenen Donnerstag auf Youtube veröffentlicht wurde. 59:13 Minuten lang, geführt vom russischen Journalisten Alexander Golovin im Juni in Panarins Wohnung in St. Petersburg für die Internetplattform sport.ru.

 

Es ist ein Mix aus Homestory, Anne Will und Markus Lanz: Fragen zu Panarins Vergangenheit („mit drei Monaten verließ mein Vater die Familie“, „mit zehn Jahren ging ich in ein Eishockeyinternat“) wechseln mit Fragen zur Wohnungseinrichtung („ich kaufe auch bei Ikea“), Finanzfragen („ich möchte eine Stiftung gründen, um u.a. Rentner in Russland zu unterstützen“) und politischen Statements („ich liebe Russland und bin kein ausländischer Agent, aber einer unserer größten Fehler ist, dass alle denken, dass es außer Wladimir Putin keinen besseren Präsidenten gibt. Das ist Quatsch.“).

 

Vor allem die politische Passage, in der Panarin schonungslos die Probleme in Russland anspricht, haben es in sich. Zur Korruption: „Wir brauchen endlich Gesetze, die für alle gelten“. Zu den gleichgeschalteten Medien: „Wenn ich den ganzen Tag Pervij Kanal [russisches Staatsfernsehen Anm. d. Red.] schauen würde, würde ich auch denken, dass alle anderen auf der Welt Teufel sind, nur wir nicht“. Zur langen Amtszeit und dem Personenkult um Präsident Putin: „Unser Fehler ist, dass wir ihn wie einen Übermenschen behandeln. Aber er ist derselbe wie wir und sollte uns theoretisch dienen“ oder „wenn ihm seit 20 Jahren jeder sagt, was für ein toller Kerl er sei und dass er alles richtig macht, glaubt er wirklich, dass er seine Fehler noch sehen kann?“.

 

Panarins Aussagen sind keine Offenbarung und beinhalten für die meisten Russen auch keine neuen Erkenntnisse. Dennoch bergen sie große Sprengkraft und werden offenbar als so gefährlich eingestuft, dass alle russischen Sportzeitungen sie totschweigen. Einer der Gründe: Panarins Sprache ist einfach, aber verständlich. Er klagt nicht aus der Position eines potentiellen Feindes an, sondern als einfacher russischer Bürger aus einem Dorf, in dem es keine Arbeit gibt.

 

Natürlich genießt Panarin Privilegien. Er lebt in Amerika und verdient in Zukunft 11,6 Millionen Dollar im Jahr. Viel Geld, mit dem er sich eine tolle Wohnung kaufen kann, mit dem er seine Familie und Freunde unterstützt und Polizisten bestechen kann, wenn sein Auto abgeschleppt wird.

 

All diese Punkte erwähnt Panarin in dem Interview. Und er erklärt, dass das beste Angebot sogar bei 12,5 Millionen Dollar lag (Colorado Avalanche, Anm. d. Red.), sein Herz jedoch bei den Rangers ist und auch nicht Freundin Alisa (Tochter von Ex-Nationaltrainer Oleg Znarok, Anm. d. Red.) die Entscheidung für den neuen Klub traf, sondern er.

 

Die Resonanz in Russland auf das Interview fällt zweigeteilt aus: Die Kommentare bei Youtube sind fast ausschließlich positiv. Dem gegenüber steht championat.ru, das einzige Sportmagazin, das zumindest erwähnt, dass Panarin das politische System in Frage stellt. Alle hier veröffentlichten Stellungnahmen von Bykov bis Michailov fallen negativ aus, mehrheitlich werden dem Stürmer mangelndes Wissen für solche Themen vorgeworfen.

 

Panarin selbst spricht bereits während des Interviews an, dass er nur seine persönliche Meinung sagt und von niemand gesteuert wird. Auch wenn die Reichweite seiner Worte im Westen viel größer ist, als in Russland selbst, wagt Panarin als erster prominenter Sportler Systemkritik zu üben. Es bleibt abzuwarten, wie die politische Führung reagiert.